Wichtige Entscheidungen muss nicht einer allein treffen

KIRN. Frau S. lebt seit Dezember 2014 im Haus Bergfrieden in Kirn. Sie ist 88 Jahre alt und jetzt steht im Raum, ob sie eine Strahlentherapie zur Behandlung ihres Brustkrebses bekommen soll oder nicht. Gemeinsam mit Pflegedienstleiterin Sabine Heisner sitzen der Betreuer von Frau S., Eberhard Färber, sowie vier Mitarbeiterinnen der Wohngruppe, die die Bewohnerin der Seniorenhilfeeinrichtung seit Jahren betreuen, im kleinen Dienstzimmer zusammen. Sie wollen mit Hilfe einer ethischen Fallbebsprechung herausfinden, wie am besten vorgegangen werden kann. Die Empfehlung des Hausarztes lautet: Einlieferung ins Krankenhaus, um dort abklären zu lassen, inwieweit eine Bestrahlung mit anschließender Chemotherapie ihr Leben noch verlängern kann. Er hat Frau S. dahingehend beraten, kann aber aus zeitlichen Gründen nicht selbst am Fallgespräch teilnehmen.

Bisher tendierte Eberhard Färber ebenfalls dafür, zumindest eine Diagnose im Krankenhaus durchführen zu lassen. Aber wäre das wirklich im Sinne der Bewohnerin? Diese Frage möchte die Runde diskutieren und klären. Was die Sache erschwert ist, dass es ihrerseits keine Patientenverfügung gibt. Ihre Wünsche müssen also von denen, die sie eng begleiten, ermittelt werden. „Als sie damals zu uns kam, war sie noch um einiges klarer“, erinnert sich eine Altenpflegerin. Damals kam Frau S. nach einer Krebsoperation aus dem Krankenhaus und hatte alle weiteren Therapien abgelehnt. Im Haus Bergfrieden hat sie ihren 

Tagesrhythmus gefunden, sitzt abends gern noch spät vor dem Fernseher, gönnt sich tagsüber die eine oder andere Zigarette und isst noch gut und gerne. „Wer bei dem Essen meckert, den kann ich nicht verstehen“, wird sie zitiert. Allein bei der Körperpflege klagt sie über Schmerzen unter den Achseln. Fragt man sie sonst, ob alles gut ist, oder ob sie Schmerzen habe, dann komme oft die Antwort: „Nö – warum fragt ihr?“ 

Ein Problem stellt die zunehmende Demenz der Seniorin dar. Jede Art von Ortsveränderung oder ihr unbekanntes Personal irritieren sie. Vor diesem Hintergrund stellte die Gruppe nach einer rund einstündigen Diskussion in Frage, dass eine Untersuchung im Krankenhaus sowie eine erneute Behandlung Sinn macht. Ihre einzige Angehörige, eine Nichte, sprach sich ebenfalls dagegen aus. Eberhard Färber wird diese Entscheidung und auch das Protokoll dieses ethischen Fallgespräches an den Hausartzt weitergeben und auch das Amtsgericht über seine Entscheidung informieren. Er ist sich sicher, dass er damit im Sinne von Frau S. handelt, die ihm nach ihrer früheren Operation gesagt hatte, dass sie so etwas nicht noch einmal erleben wolle. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie das heute wollen würde.“ Zumal sie im Haus Bergfrieden ihr Zuhause gefunden habe.     

Ethische Fallgespräche sind im Haus Bergfrieden noch ein Novum – Fallgespräche an sich, in denen es um spezielle Probleme von Bewohnerinnen oder Bewohnern geht, finden alle zwei Wochen bei der sogenannten „großen Übergabe“, bei der sich die Mitarbeitenden der verschiedenen Schichten treffen, statt. Dieses Forum hat sich bewährt und wird von allen Beteiligten gern und intensiv genutzt. Anders als bei Frau S. dauern solche Gespräche dann oft länger als eine Stunde. Sie geben den Mitarbeitenden wichtige Sicherheit in ihrem Dienst.